Traumberuf Skientwickler: Im Gespräch mit Alexander Kaufmann, HEAD-SKI

 

Die Arbeit als Skientwickler

Hallo Alexander. Verrätst du unseren Lesern wer du bist und was du beruflich machst?
Ich bin Alexander Kaufmann,  49 Jahre alt und leite die weltweite Skientwicklung der Fa. Head-Ski.


Wie wird man Skientwickler? Das ist jetzt nicht gerade der typische Lehrberuf?
Ich habe vor 30 Jahre bei Head angefangen. Durch eigenes Skifahren und das große Interesse am Skisport bin ich beim Head-Rennservice gelandet. Da habe ich mich nach und nach in alle Feinheiten des Skiservices für die Weltcup-Rennläufer eingearbeitet.


Für wen hast du denn die Ski gewachst?
Erst einmal muss ich vielleicht sagen, dass Skiservice viel mehr ist als Ski zu wachsen. Das erste Geheimnis, warum der Ski läuft oder nicht, ist eine optimale Struktur in den Belag zu schleifen, die Kante aber gleichzeig zu schärfen und glatt zu polieren. Das ist eine große Kunst, die viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl benötigt. Das Thema Wachs ist eher das i-Tüpfelchen, das dann in erster Linie im Rennlauf von Bedeutung ist. Bei mir ist es mit dem Service schon ein wenig her, aber wer den Weltcup verfolgt, wird mit Namen wie Mario Reiter, Rainer Salzgeber oder Andreas Schifferer vielleicht noch etwas anfangen können.


Wie lange hast du das gemacht?
Eigentlich nur fünf sehr intensive Jahre. Danach bin ich Produktmanager für Alpinski  geworden.
Ist das nicht ein großer (Karriere)-Sprung vom Servicemann zum Produktmanager?
Ja und Nein. Formal sicherlich schon. Inhaltlich war es gar nicht so weit. Schon als Servicemann habe ich für die Athleten die Ski mitentwickeln dürfen. Man muss vielleicht noch sagen, dass die Topfahrer ihre individuellen Ski gebaut bekommen und man tüftelt so lange, bis der Athlet den perfekten Ski für die jeweilige Disziplin hat. Man probiert verschiedene Werkstoffe und kombiniert sie so, bis es für den Fahrer optimal passt. Und aus dieser Perspektive ist der Sprung zur Entwicklung eines Serienskis dann nicht mehr so weit.


Ist es aber nicht viel schwieriger,  einen individuellen Ski für einen einzelnen Wettkampfathleten zu konstruieren als einen Serienski für ein deutlich breiteres Publikum zu bauen?
Definitiv ist es anders herum erheblich komplexer. Wenn du einen Ski für eine Kunden-Zielgruppe baust, dann ist diese ja schon nicht so homogen in ihren Ansprüchen wie ein einzelner Rennfahrer. Zudem „bastelst“ du beim Wettkampfski eines Profis an einem Setup, das exakt für eine Disziplin gemacht ist. Du bist durch FIS-Normen reglementiert, was Bauhöhen, Längen, Radien, Schaufelhöhen, Standhöhen und so weiter betrifft. Wenn du einen Ski  für den Freizeit-Skiläufer baust, dann bist du zumindest theoretisch vollkommen frei in allen Parametern und hast fast unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten. Das ist Fluch und Segen zugleich.


Übernehmt ihr viel aus dem Rennlauf in die Serienski?
Das geht hin und her. Wir übernehmen Ideen oder Materialien aus dem Rennlauf, aber der Rennlauf übernimmt genauso Ideen und Materialien aus den Serienski. Auf der einen Seite ist der Rennzirkus natürlich ein Extremtest für unsere Materialien, auf der anderen Seite sind die Erfahrungen tausender Skifahrer auch wirklich aussagekräftig für den professionellen Skirennsport.

Die Supershape-Line als Quantensprung in der Skientwicklung

Es gab schon tausende von Skimodellen am Markt. Wie kann man da immer noch etwas Neues bringen?
Da gibt es jede Menge Verbesserungspotenzial im Detail: Seien es neue Geometrien, also Bauformen, neue Materialien oder auch Materialkombinationen. Unsere Expertenteams testen eine Menge Prototypen mit mehrjährigen Vorlaufzeiten. Da leider nicht immer die gleichen Witterungs- oder Pistenverhältnisse herrschen, muss alles unter vielen Gesichtspunkten probiert werden.  Am Ende soll schließlich nur das beste Produkt übrig bleiben.


Was ist dein persönlich größter Erfolg in der Head-Ski-Kollektion dieses Winters?
Das ist eindeutig unsere überarbeitete Supershape Linie. Ich weiß, hier ist uns ein Quantensprung gelungen. Ich rede da nicht von Detailverbesserungen eines Spitzenproduktes, sondern von einer Messlatte, die wir für alle, die Ski produzieren, neu und erheblich weiter nach oben justiert haben.


Das hört sich doch recht selbstbewusst an. Woher kommt diese breite Brust?
Mit der Entwicklung der Supershape-Serie sind wir von Anfang an einen neuen Weg gegangen. Wir haben uns in dieser Serie davon frei gemacht, guten Skifahrern immer nur Rennski anzubieten, die wir selbstverständlich besser denn je im Programm haben.  Aber was braucht die Mehrheit guter Skifahrer? Da fährt nicht jeder gleich. Nicht immer nur Slalom oder nur lange Radien. Die einen wollen in erster Linie auf der Piste fahren, die anderen auch gelegentlich abseits. Der Nächste eher klassisch. Mal ist die Piste hart gefroren, mal sulzig. Die FIS-Normen zur Beschaffenheit von Rennskimodellen interessiert diese Skifahrer weniger. Sie wollen einen Ski haben, der auf dem neuesten Stand der Forschung ist, möglichst alles kann und in jedem Terrain gut funktioniert - und das alles zu einem fairen Preis.


Hört sich nachvollziehbar an. Aber warum habt ihr diese Erfolgsmodelle dann so deutlich verändert?
Weil wir ein neues Material eingebaut haben, das uns ermöglicht hat, das sehr gute noch besser zu machen! Es heißt Graphene und wurde 2004 erstmals von Andre Geim und Konstantin Novoselov hergestellt. 2010 haben sie dafür den Nobelpreis für Physik bekommen. Graphene ist so hart wie Diamant und seine Zugfestigkeit ist die höchste, die je bei einem Material gemessen wurde. Dazu ist es extrem leicht. Graphene ermöglicht uns, den Holzkern in der Mitte des Skis dünner und an den Enden dicker zu fräsen. Der Ski wird durch die nie dagewesene Druckverteilung noch viel geschmeidiger. Wir konnten eine völlig neue Schaufelgeometrie bauen. Jetzt gehen die Ski noch einfacher und die Stabilität erreichen wir über das Graphene. Die Taillierung des Skis ist fast vier Zentimeter nach vorne gewandert - das ist eine Welt. Ich könnte noch den ganzen Tag weiter schwärmen, aber ich befürchte, dass ich mich in Details verliere.


Daher noch einmal zurück zu den Menschen, die die Supershapes fahren sollen. Was haben die davon?
Ok, die Ski laufen extrem einfach. Sie ziehen unglaublich leicht in die Kurve. Auch ohne extreme Aufkantwinkel. Sie sind extrem agil und vermitteln auch auf härtester Piste extremes Vertrauen. Sie gehen in fast jedem Gelände und bei fast jeder Schneebeschaffenheit. Ich glaube, mehr geht nicht.


Abschlussfrage: Wie würde dein Traumski aussehen?
Es gibt da inzwischen Keramic-Legierungen, die man für unglaublich scharfe Kanten nehmen könnte. Und noch ein paar Dinge. Aber mein Ski würde durch die Materialkosten die 100.000 Euro locker sprengen. Und da sind wir an dem Punkt, dass ich versprechen kann, dass auch in den nächsten Jahren noch einiges von Head zu erwarten ist, wenn die Preise für spannende Materialien sinken…

Jetzt zu Ski & Co. der Firma HEAD in unserem Onlineshop gehen

Alle Artikel zum Thema: Skipersönlichkeiten